EIN KESSEL

SEXUELLES

LITERATUR-ENTERTAINMENT



Sexualität ist für viele immer noch ein schwarzes Loch. Etwas, das eine große Anziehungskraft besitzt, einen letztendlich aber auffrisst. Die meisten fühlen sich alleingelassen mit ihrer Sexualität, und oft bleiben da nur die eigenen Eltern, die man um Rat fragen kann. Doch meist wissen diese es ja auch nicht besser, und am Ende gesellt sich zu jener Verzweiflung nur noch die Erkenntnis, dass man selbst nicht viel mehr ist als das bloße Zufallsprodukt eines alkoholischen FKK-Urlaubs oder eines Hygiene-Missstandes im Solarium.


Kein Wunder also, dass viele an ihrer Sexualität verzweifeln. Eine Sexualität, die, wenn überhaupt vorhanden, so gar nichts von dieser Lässigkeit hat, die Sexualität im Internet immer verströmt. Die eigene Sexualität wirkt dagegen oft wie ein deftiges vorpommernsches Tellergerichte.  


Sven Amtsberg, dieser mit allen sexuellen Wassern gewaschene Tausendsassa, möchte an diesem Abend helfend zur Hand gehen. Sachlich soll sich gemeinsam diesem heiklen, heiklen Thema genähert werden. Es wird Texte zur Einführung geben, sowie sittliche Selbstversuche und Experimente mit Hand und Fuß.

Sexualität im Verwaltungstrakt (Auszug)


Im Großraumbüro sprachen wir fast täglich über Sexualität. Es war im Grunde das, was uns über den betonfarbenen Alltag hinweghalf. Manche besaßen sogar T-Shirts, auf denen sie versucht hatten, Sexualität zu malen – viele Striche, Ritzen und Löcher. Und alles, was man sagte, hatte immer noch eine sexuelle Metaebene. Akte, Lochen, Tackern – es wurde immer viel und anzüglich gelacht.


Wir alle taten so, als hätten wir nach Feierabend Sexualität, und das dann auch so lange bis kurz vor Bürobesuch am nächsten Morgen. Wir hielten uns dann scherzhaft den Schritt und wedelten im Aufzug mit den anderen unseren Geschlechtsteilen mit Ordnern frische Luft zu. Taten so, als würden wir noch immer nach Sexualität riechen. An den Händen und Armen. Der Stirn. Riefen Vornamen in den Aufzug und sagten: »Oh la la« oder etwas Vergleichbares. 


Alle wussten, dass das gelogen war. Keiner von uns hatte je wirklich Sex gehabt. Aber 

Sexualität war für uns, was für andere Horoskope oder das Wetter. Es ließ sich darüber reden. Um die unangenehme Stille damit zu zerstören. Jeden interessierte es, und in gewisser Weise war es der Kitt, der uns als Gruppe zusammenschweißte, und all das hier in der Verwaltung erträglicher machte. 


Manchmal glaubte selbst ich daran, an dieses sexuelle Leben, von dem man vorgab, es zu haben, obwohl man in Wahrheit abends immer nur alleine da saß und zusah, was die Leute im Internet so machten. Denen ging es auf alle Fälle in allen Belangen besser. 


An den Wänden der Büros hingen Bilder kopulierender Ponys, mehr war nicht erlaubt. Dazu Bilder von Türmen und Vulkanöffnungen. Züge, die in Tunnel fuhren. Hochauflösende Aufnahmen aus der Wurstproduktion.


Gegenstände, die aussahen wie Geschlechtsteile, waren äußerst beliebt bei uns. Sie wurden sich immer wieder vor den Schritt gehalten. Frau Jösecke etwa, aus der Buchhaltung, hielt sich regelmäßig den großen Locher senkrecht vor ihren Unterleib und betätigte ihn ein paar Mal schnell hintereinander, während sie dabei laut stöhnend hinter uns herlief. Wir alle hatten Angst vor ihr und ihrem Locher. 


Die Männer hatten immer Kugelschreiber bei sich. Es war das Penisartigste, das das Büroleben herzugeben vermochte. Sie steckten in den Hemdtaschen der hellblauen Kurzarmhemden, dir wir alle hier trugen. Man holte sie regelmäßig raus, begegnete man jemanden, hielt sie sich dann vor den Hosenschlitz und drückte stöhnend die Mine raus. Wir freuten uns, wenn die Tinte auslief. »Frühzeitiger Samenerguss«, riefen dann alle laut in der Kantine mit geröteten Wangen und lachten.