SVEN AMTSBERG

POLNISCHE AUSSERIRDISCHE

(AUSZUG AUS »PARANORMALE PHÄNOMENE«)







Meine Frau sieht ständig irgendwo Außerirdische. Sie legt es auch darauf an. Oft steht sie am Fenster, tarnt sich so gut es geht, ist Stehlampe, Vogelbauer, Brokat-Gardine. Entdeckt sie dann unten auf der Straße einen Außerirdischen, so ruft sie aus Leibeskräften nach mir. Macht anschließend unzählige Fotografien von dem scheinbar Außerirdischen, um durch die Fotos eine Art Gegengewicht in der Realität zu schaffen, mit dem sie sich beruhigt. Jedes Mal wieder laufe ich hektisch zu ihr. Mehr aus Angst um meine Frau als aus Neugier. Ihr Gesicht ist fleckig. Sie droht zu hyperventilieren, und nicht nur einmal musste ich sie aus einer Supermarkttüte Normalität atmen lassen.

"Das mit den Außerirdischen ist nicht so gut für dich", sagte ich.

"Was soll ich denn machen, Hannes, sie suchen den Kontakt zu mir. Ich bin ein Medium, Hannes. Ein Medium. Das kann man sich nicht einfach so aussuchen." 

Die Außerirdischen meiner Frau sehen meist wenig außerirdisch aus. Einmal war es ein alter Mann in einem bekleckerten Kinderanorak, der eingefallen auf der Bank gegenüber unseres Haus gesessen hat. Dann wieder ist es eine Hausfrau gewesen, die, ihrer Meinung nach im Supermarkt zu lange vor einem Regal verharrte. Sie stieß mich an, deutete auf die Frau und sagte: "Hannes, das System von der da hat sich aufgehängt."


Einmal war ich nach Hause gekommen und hatte sie mit einer Gruppe scheinbar Außerirdischer in unserem Wohnzimmer sitzen gesehen.

"Das sind Außerirdische, Hannes", sagte meine Frau und lachte. 

Sie schenkte den Außerirdischen, die mit freien, behaarten Oberkörpern auf unserer Wohnzimmergarnitur saßen, Eierlikör nach. Ich sah rote Male, in der Größe von Schnapsglasöff-nungen auf den Oberkörpern der Außerirdischen, die alles in allem auf mich eher wirkten wie LKW-Fahrer, mit ihren langen, vom Fahrtwind zerzausten Haaren.

"Moink, Moink", sagte einer der Fahrer. Die anderen lachten.

Auf dem Wohnzimmertisch lagen einige Maßbänder, und einer von ihnen vermaß nun meine Frau, die in ihrer hautfarbenen Unterwäsche auf dem Wohnzimmertisch stand und sich langsam drehte. 

"Wir erforschen hier menschliches Leben", sagte einer, stand dann auf und reichte mir seine Hand. "Hotte."

"Sie wollen Frauen wie mich nachbilden", sagte meine Frau, nicht ohne Stolz, "originalgetreu, im Weltall." 

Und Hotte ergänzte: "Wir werden eine ganz Amanda von ihrer Frau nachbilden, Herr Molocke."


Sicher hätte ich meine Frau zum Arzt gebracht, doch so ganz sicher war ich mir auch nicht. Zumal sie eines Nachts wirklich einmal einen Außerirdischen im Gebüsch gefunden hatte. Ein rotgesichtiger Mann in fleckiger Jeansjacke, der sich zur Tarnung eingenässt hatte. Sie sah mich langsam an, legte sich den Finger quer über die Lippen, sagte dann tonlos: "Außerirdischer." 

Langsam schlich sie zu ihm, klopfte zaghaft mit dem Schirm gegen seinen Rücken. Und wirklich, es war ein kleines, metallisches Geräusch aus seinem Inneren zu vernehmen.

"Kein Saft mehr", sagte sie und klemmte den Schirm unter den Arm. "Hilf mir", befahl sie und packte augenblicklich die Füße des außerirdischen Mannes. Mit dem Kopf deutete sie auf dessen Arme. Nach einem Moment des Zögerns packte ich sie. Gemeinsam trugen wir ihn so hoch in unsere Wohnung und legten ihn auf eine Plane ins Wohnzimmer. Der Außerirdische stank nach Alkohol und Urin. 

"Der muss aufgeladen werden", sagte sie und begann, ihm seine Kleidung vorsichtig auszuziehen. Anschließend befühlte sie diese, drückte sie sich ins Gesicht, um daran zu riechen. "Täuschend echt", stellte sie dann voller Anerkennung fest. 

"Was ist, wenn er aufwacht?"

"Der kann nicht aufwachen, Hannes, der muss ans Netz."

Immer weiter entkleidete sie ihn, und je mehr sie ihm auszog, um so weniger außerirdisch wirkte er. Schließlich lag er in Unterhosen vor uns. Seine Haut war weiß und erinnerte an flockende Milch. Längs über Brust und Bauch stand auf polnisch Hass. 

Petra untersuchte den Mann eingehend. 

"Ich suche eine Buchse", erklärte sie großspurig, nachdem ich sie fragend angesehen hatte, als sie wie selbstverständlich ihre Hand in die Unterhose des Mannes schob und darin herumtastete. Mit einem Ruck riss sie diese herunter und tatsächlich, statt eines Genitals hatte der Mann dort eine Buchse, die sie wenig zu überraschen schien. Eine Buchse, in die sie schließlich, nach dem sie verschiedene Stecker ausprobiert hatte, das Ladekabel ihres Handys steckte. Wir schlossen den Mann ans Stromnetz an und warteten, was geschehen würde.


Auf lange Sicht ist es nahezu unmöglich, allein an Außerirdische zu glauben. Der Druck von außen aus der Gesellschaft ist einfach zu groß, das hält ein Einzelner kaum aus. Man braucht mehrere. Auch meine Frau. Sie ist in einer Gruppe.

"Diese Gruppe ist mir wichtig, Hannes", erklärte sie mir, wenn ich mich wieder einmal weigerte mit ihr und dieser Gruppe im Sommerurlaub Kornfelder in Europa abzufahren, oder ein Wochenende bei einem übergewichtigen Pärchen in Walsrode zu verbringen, das behauptete, Außerirdische würden sie immer wieder heimsuchen. Nur nie wenn wir dort waren. Weshalb wir immer wieder hinfuhren. Wir schliefen im Wohnzimmer. Es gab Obst mit Sprühsahne. Jede Übernachtung dort kostete fünfzig Euro. 

"Diese Gruppe ist wie ich, und manchmal glaube ich, in ihr gefunden zu haben, wonach ich bei dir gesucht habe, Hannes."

Diese Gruppe nannte sich Pinneberger Außerirdischen e.V., und jeden Sonntag kamen nun alte, nach Räucherfisch riechende Menschen in unser Wohnzimmer und breiteten verschwommene Fotos auf dem Couchtisch aus, auf denen sie irgendwelche Phänomene entdeckt haben wollten. Meist handelte es sich dabei um helle verschwommene Flecken vor dunkler verschwommenem Hintergrund, die man meist als Raumschiffe deutete. Seltener vage einfach nur eine PA nannte, eine Paranormal Appearance. Hin und wieder machte einer aus der Gruppe den Fehler zu behaupten, er könne auf dem Foto überhaupt nichts erkennen, woraufhin sich die Übrigen auf ihn stürzten und brüllten: "Das sieht man doch gleich, dass das was Außerirdisches ist, du Idiot."


Sie kamen morgens, es gab Mett. Sie blieben, bis es dunkel wurden, aßen Ei und Marshmallows, und starrten meist nur schweigend den Himmel an, in der Hoffnung etwas erscheine Ihnen, da sie ja nun transzendentale Kraft bündelten. Aber eigentlich geschah nie etwas. Nie, und gegen Mitternacht fuhr ich die alten Menschen dann wieder in ihre Heime. Manchmal wartete ich noch, bis das alte, runzlige Gesicht an einem der vergitterten Fenster in einem der oberen Stockwerke auftauchte und traurig in den dunklen Himmel starrte. Einer weinte einmal auf der Rückbank, und ich tröstete ihn dann damit, dass er irgendwann bestimmt noch mal was Außerirdisches sehen würden.

"Aber ich bin doch schon so alt", sagte er.

Ich seufzte.


Einmal hatte ich einen ganzen Sonntag in einem weißen Overall und mit Badekappe in einem Gebüsch gekauert. Ich wollte ihnen eine Freude machen. Doch es kam nicht gut an bei der Gruppe: "Außerirdischerei hat nichts mit Glaube zu tun, Herr Molocke." 

Im Sommer mieteten sie Busse, und dann fuhren wir Stellen an, an denen andere Ufos gesehen haben wollten. Wir waren viel im Wald und auf Feldern, von denen uns die Bauern dann vertrieben. Alle machten immer Fotos von der Stelle, an der mal etwas gewesen sein soll und nun nichts mehr war. Immer wieder umarmte sich die Gruppe, damit jeder ein Bild von der sich umarmenden Gruppe machen konnte, die sich an einer Stelle umarmte, wo vielleicht einmal etwas gewesen war, nun aber nichts mehr war. Auf den Fotos sagen alle "Schade" in Richtung der Kamera. 


Sie haben im Grunde noch nie etwas entdeckt. Nur das eine Mal. Die verkohlte Hand. Die verkohlte Hand sieht eher nach einem verkohlten Vogel aus, doch Herr Busdorff, der Vorsitzende, ist sich sicher: "Mit einiger Gewissheit kann ich sagen, dass dies die Hand einer extraterrestrischen Lebensform ist." 

Wer in den Verein will, muss diese Hand berühren. Sie tauchen die verkohlte Hand in Kaffee, berühren mit ihr die Speisen, die sie essen. In der Hoffnung, es würde nun in ihrem Leben etwas anders werden. Hin und wieder kommt es zu Ausschlägen in der Gruppe, Ekzeme, die die anderen zu deuten versuchen. 

"Das sind Nachrichten aus dem Jenseits", heißt es dann immer. 

"Hallo liebe Freunde, wir tun euch doch nichts. Eure Außerirdischen Freunde. Gabba Gabby Hey", las einer einmal aus dem nässenden Leistenekzem meiner Frau.


Und nun saß diese Gruppe dicht gedrängt bei uns auf dem Sofa und starrte diesen scheinbar außerirdischen Mann an. Sie wirkten ängstlich. War diese Gruppe sonst wie eine Plastiktüte voller Kanarienvögel gewesen, so war sie nun wie ein Beutel mit Fisch. Alles, was sie taten, war zu rauchen. 

Langsam stand der Vorsitzende auf, nahm ein Stethoskop, das er sich in die Ohren klemmte, und dann über dem Mann baumeln ließ. Mit der Fußspitze drückte er in dessen Lenden. 

"Außerirdisch", flüsterte er, "kein Zweifel." Schnell setzte er sich wieder zu den anderen auf die Sitzgruppe. 

Alle ließen ein Foto von sich machen, wie sie hinter dem Außerirdischen hockten. Schließlich beriet man darüber, was zu unternehmen sei. Niemand wollte ihn mit nach Hause nehmen.

"Im Heim sind Außerirdische nicht erlaubt", erklärte Herr Glörsecke ernst.

"Tragen wir ihn doch einfach wieder zurück ins Gebüsch", schlug meine Frau vor, und ich hatte schon die Beine des Mannes gepackt, als Herr Rorleder einwarf: "Wir müssen auch an die Wissenschaft denken."

Alle nickten. Manche wiederholten murmelnd, was Herr Rorleder gesagt hatte. Schließlich fuhr man ihn zu dem Pärchen aus Walsrode, vor dessen Tür man ihn ablud, klingelte, dann schnell davonlief. 


Zumindest zwei Menschen haben sie so sehr glücklich gemacht. Noch immer fahren wir in den Ferien zu ihnen, schlafen auf dem Boden und essen Obst mit Sprühsahne. Für fünfzig Euro mehr, darf man neben dem Außerirdischen schlafen, den auch sie an eine Steckdose angeschlossen haben, und der sich noch immer nicht gerührt hat. Sie haben ihm Fliegenaugen aufgemalt und ihn grün lackiert. In einer Nacht meinte ich, ihn neben mir seufzen gehört zu haben.