SVEN AMTSBERG

MUTTER UND ARNO SCHMIDT








Meine Mutter war wie besessen von Arno Schmidt, seitdem er in das Haus gegenüber gezogen war. Meine Mutter interessierte Berühmtheit, und ihr ganzes Leben lang war sie auf der Suche danach. Sie verbrachte viel Zeit vor Hotels, in denen bedeutende Leute schlafen sollten. Wir waren oft vor Nobelrestaurants und schauten, die Augen mit den Händen gegen das Sonnenlicht abschirmend, durch die Schaufenster, ob irgend jemand da war, der auch nur halbwegs bekannt aussah. Im Sommer waren wir stets auf Sylt. 


Mutter war es ganz egal, um wen es sich dabei handelte, Hauptsache er war prominent. Sie besaß eine Plastiktüte von Willy Brandt, einen gelben Herrenstrumpf von Hans-Joachim Kuhlenkampff, sowie einen alten Schlauch, der einmal Peter Kraus gehört haben soll. 


Mutter hatte lange gehofft, sie könne jemand Bekanntes heiraten, und könne es so irgendwie in die Hochglanzmagazine schaffen. Nicht selten schnitt sie ihr Gesicht aus Urlaubsfotos aus und klebte sich dann in die Magazine, neben Prinz Charles oder auf den dicken Schoß von Franz Josef Strauß. Manchmal seufzte sie dann und sah zu Vater, der gänzlich unbekannt war – und dem man das auch nur zu deutlich ansah. 


Doch dann war Arno Schmidt gegenüber eingezogen, und meine Mutter war wie besessen. Fast jede Nacht war sie wach und sah nach drüben. War Arno Schmidt fort, war sie in dessen Garten und schnitt Äste vom Baum, die sie dann in unser Wohnzimmer hängte wie Trophäen. "Ast 1 von Arno Schmidt" schrieb sie darunter, "Ast 2". Ständig war sie drüben und brachte etwas von Arno Schmidt mit, unreife Erdbeeren aus dessen Garten, Mutterboden, mit dem sie sich abrieb oder ihn ins Badewasser gab und es genoss vom Mutterboden von Arno Schmidt besudelt zu werden. Manchmal brachte sie Müll mit: etwa das vernietete Ende einer Igelbauchfarbenen Leberwursthülle, deren Inhalt Schmidt gegessen hatte, die Verpackung eines seiner Unterhemden, Fußnagelabschnitte, Hornhautspäne. All das rahmte Mutter und hängte es – sehr zum Missfallen meines Vaters – in unser Wohnzimmer. 


Immer besessener schien sie, es waren fast schon Raubzüge, die sie da unternahm. Ständig war sie drüben und sah zu, was sie ergattern konnte. Einmal hatten wir die Polizei bei ihm gesehen und konnten nur mutmaßen, dass es vielleicht um Mutter ging. Ich wusste, dass unter ihrem Bett Arno Schmidts Fußmatte lag. Sein Schild »Hier wache ich« hing bei uns im Badezimmer. 


Nachts hörte man Mutter nun ständig aus dem Haus schleichen. Sie spähte in Schmidts Fenster, und einmal war sie sogar in dessen Haus eingedrungen. Die Terrassentür hatte offen gestanden, und Mutter war ins Haus gegangen und hatte Arno Schmidt beim Schlafen zugesehen. Sie hatte Atem aus seiner Mundhöhle geatmet, den sie so lange in ihren Lungen behielt, wie sie nur konnte. Schnell war sie zurückgerannt und hatte den Atem in eins der leeren Marmeladengläser geatmet, die sie später oft öffnete und daran roch.  


Kurz darauf zog Arno Schmidt aus. Mutter war traurig. Bis dann Rudi Carrell einzog.