SVEN AMTSBERG

DER SCHWEISS IST DIE TRÄNE DES MANNES (ROMANAUSZUG)






Mallorca ist schön. Richtig, richtig schön ist Mallorca. Wunderschön. Wunderwunderschön. Wenn man betrunken ist. Aber betrunken ist Mallorca schön. Richtig, richtig schön ist Mallorca dann. Und kein Wunder, dass fast jeder, der auf Mallorca schon mal betrunken war, anschließend davon träumt, auf Mallorca zu leben. Zu leben auf Mallorca ist wie betrunken für immer. Und betrunken ist Mallorca schön. Richtig, richtig schön ist es. 


Doch leider ist dieses Mallorca nur einmal im Jahr. Es ist ein ertrunken und erstunkenes Mallorca, das es so in Wahrheit gar nicht gibt. Dieses Mallorca ist eine Illusion. Entstanden in den Köpfen unzähliger Betrunkener, die sich die Insel über die Jahre schön und schöner getrunken haben. Nüchtern sucht man vergebens nach diesem Mallorca, diesem Atlantis der Säufer. Man sucht und sucht, und irgendwann fragt man sich, was einen eigentlich geritten hat, hierherzuziehen. Und dann trinkt man. Und dann ist es manchmal noch mal wieder da, dieses Mallorca. Dieses schöne, schöne Mallorca. Mallorca und Alkohol arbeiten da Hand in Hand. Ohne Alkohol kein Mallorca, zumindest kein schönes, und ohne Sangria aus Eimern und Bier aus Dosen ist Mallorca auch nicht viel mehr als Paderborn in warm. Mit ein paar mehr Betrunkenen. Vielleicht.


Ich wollte nie nach Mallorca. Warum auch. Ich gehöre hier einfach nicht hin. Ich gehöre nach Hildesheim oder Salzgitter. Vielleicht auch noch in den Harz. Aber niemals nach Mallorca. Niemand gehört hier wirklich hin. Selbst Jürgen Drews nicht. Hinzu kommt dass ich schon immer eine ausgewachsene Abneigung gegen betrunkene Männer gehabt habe. Und Mallorca ist voll von betrunkenen Männern, die in Heerscharen über die Insel ziehen und diese fast schon gewaltsam schön trinken. Selbst viele Frauen sehen hier auf Mallorca oft aus wie betrunkene Männer. Benehmen sich auch so. Der Betrunkene neigt zum Untenrum. Zur guten Laune, der er sich schon im Vorfeld sicher ist und das gerne mit lustigen Kleidungsstücken und Accessoires wie bunten Hüten oder Mankinis zum Ausdruck bringt. Gute Laune das ist Glück für Betrunkene. Und gute Laune ist eigentlich niemals gute Laune, sondern fast immer nur etwas, was man fälschlicherweise dafür hält. Gute Laune ist in Wahrheit ja oft nichts weiter als schön gesoffene Verzweiflung. Und gute Laune das heißt immer Kampf, denn wer vorgibt gut gelaunt zu sein, muss das auch ständig wieder unter Beweis stellen. Muss stets etwas laut ausrufen. Muss rhythmisch in die Hände klatschen oder das zumindest versuchen. Gute Laune muss man sehen, muss man hören, sonst ist es keine gute Laune. Deshalb neigt der Gutgelaunte auch schnell mal zur Polonaise, zur Entblößung des Oberkörpers, in fortgeschrittenem Zustand auch des Hinterns. Später dann, am Ende der Fahnenstange Gute Laune, auch des Geschlechtsteils. Gutgelaunte deuten gerne und oft Kopulation an, werden zu Pantomimen des Untenrums. Nichts lässt sich so einfach vortäuschen wie gute Laune. Selbst ein Orgasmus nicht. Bei guter Laune reicht es oft Zickezacke zu rufen. Bei einem Orgasmus lieber nicht. Man wiederholt es oft, damit auch der letzte Vollidiot glaubt, man habe gute Laune. Man stachelt sich an mit dieser scheiß guten Laune. Gute Laune schaukelt sich gegenseitig hoch, und man ruft besser einmal zu oft, als einmal zu wenig: »Titten.« Oder: »Ficken«. Oder was Betrunkene sonst so lustig finden und noch einigermaßen fehlerfrei aussprechen können. 


Ich muss das wissen. Denn ich kenne mich aus mit guter Laune. Verdiene sogar mein Geld damit. Und ja, ich hasse gute Laune. Hasse sie abgrundtief. Nur Vollidioten sind gut gelaunt. Aber es ist nun mal leider so: Für das richtige Leben hat es bei mir nie gereicht. Ich kann nicht wirklich singen, nicht wirklich Gitarre spielen, zumindest nicht gut. Aber für hier reicht es, für Mallorca. Dieses ertrunkene und erstunkene Mallorca. Denn Betrunkene nehmen all das nicht so genau. Betrunkene sind in gewisser Weise nachsichtig mit so etwas wie Können. Leistungsgesellschaft – davon will der Betrunkene nichts wissen. Und in gewisser Weise sind Betrunkene wie liebende Eltern, die auch auf die noch so kleinste Nichtigkeit ihres Sprosses mit übermäßigem Stolz reagieren. 


Hinzu kommt, dass der Betrunkene vieles als Musik gelten lässt. Betrunkene tanzen schon, kaum zerbrechen Gläser, oder es fällt irgendwer laut hin. Und Betrunkene stürzen sich nur allzu bereitwillig auf die noch so kleinste Pointe. Betrunkene finden die dümmsten Dinge komisch, meist gerade die. Deshalb kann auf Mallorca auch der lustig sein, der es unter Normalbedingungen nie wäre. Auf Mallorca schafft es fast jeder, dass man über ihn lacht. Die Säulen dieses Humors heißen: Alkohol und Untenrum. Dazu noch etwas, was der Betrunkene auch betrunken wieder erkennt: ein roter Hut, eine Perücke, ein Trainingsanzug. Oder alles zusammen. 


Oder aber eben ein pinkfarbener Bademantel, eine Korsage mit großen Plastikbrüsten, die dieser Mann auch noch auf der Bühne aufbläst. Das finden Betrunkene lustig. Richtig, richtig lustig. Wegen Untenrum. Und Busen. Und Blasen. Und Ficken. Und Alkohol. Und überhaupt. Es ist schwer zu erklären. Und noch schwerer zu begreifen. Aber je betrunkener Betrunkene werden, um so mehr untenrum ist auch. Für den Betrunkenen ist die Welt keine Scheibe, sondern eine Scheide, ein Penis, und irgendwann ist alles nur noch untenrum. Und dann ist es fast egal, was man sagt und singt, der Betrunkene hört doch nur: Ficken. Ficken. Ficken. Ficken. Ficken. Ficken.


Gut, das alles könnte mir natürlich vielleicht egal sein. Nur das Problem ist leider, dass dieser dicke Mann, mit den aufgeblasenen Brüsten, in dem rosa Bademantel, tja, das bin leider ich: Ulf. Der Titten-Ulf.