Seine Eltern liebten ihn nicht. Ja, sein Vater hasste ihn – denn früher da gab es einen Hobbykeller. Mit einer kleinen Bar, die der Vater liebevoll aus Saufdamast geschnitzt hatte. Dort saßen sie oft mit Alkohol-Freunden. Waren ausgelassen. Lustig im Sinne von: Polonaise mit Anlangen, Kopulationsgeräusche mit Achsel und Hand plus Geschlechtsteilwitze. Sie tanzten zu Roberto Blanco oder Fernet Branca. Manchmal mit Kostümen, eigentlich aber gerne nackt. Und ja, da irgendwie musste es passiert sein. Jedenfalls: Ein paar Monate später wurde der kleine Biermut geboren. Die Kellerbar musste weichen und mit ihr die gute Laune.






Noch immer roch es im neuen Kinderzimmer nach Schnapsschweiß und Fummelfusel. Es fanden sich Zeichnungen von Busen und Fantasie-Geschlechtsteilen an den Wänden, die der Vater irgendwann in einem Stimmungs-aufruhr mit Fruchtlikören dorthin gemalt hatte. Abdrücke des offenen Mundes der Mutter, die oft gefallen war im alkoholischen Überschwang. Speichelreste im langen Rumflorteppich. Einmal hatte sie betrunken »Saufen ist geilchen« auf einen Herrenschlüpfer gestickt. Dieser hing noch immer neben der Lampe von der Decke.





Kurzum: Es waren schöne Zeiten, denen die Eltern nun nachtrauerten. Kinder hatten mit Saufen nur wenig zu tun. Höchstens noch, dass sie manchmal betrunken wirkten. Grundlos lachten, grundlos brachen. Exkremente, Exkremente, und man sie nicht verstand. Den Eltern kam das Kind nun wie der natürliche Feind des Saufens vor. Das Kind war der Fuchs, Alkohol das Reh und dieser Keller der Saufwald, in dem nun kein Käuzchen mehr schrie.





Vermutlich rührte daher ihr Hass. Nachts konnte Biermut seine Eltern manchmal vor der Tür weinen hören. »Saufen, saufen«, schluchzte die Mutter, während der Vater bäuchlings vor der Tür lag und laut die Luft unter dem Türspalt hindurch einsog, um noch einen letzten Rest Saufkellerausdünstung einzuatmen.





Sie tranken jetzt oben im Wohnzimmer. Doch es war nicht das gleiche. Stimmung kam nie wirklich auf. Im Wohnzimmer saufen hatte etwas Trostloses. Das war was für Beamten. Fast spießig kamen sie sich da vor, schossen sie Dosenbier und Rakis zu Günther Jauch und Linda Zervakis. Es war, als hätte man ihnen etwas genommen. Wie ein Schrumpfkopf überall fühle sie sich, sagte die Mutter. Den Vater überkamen Weinkrämpfe. Seine Tränen waren kalt, rochen brackig.





Um ehrlich zu sein: Sie hatten noch nie etwas über für Menschen, die nicht tranken. Überhaupt nicht. Und es war ihnen scheiß egal, ob es nun Kinder waren. »Wer nicht soff, der doff«, sagte die Mutter oft. Und ja, sie fühlten sich verraten. Vom eigenen Kind, das sich schon früh gegen die Eltern aufzulehnen schien.





Sie versuchten es mit Batida de Coco und einem dritten Busen. Dann: Schnapsschnuller, Buddelnuckel, Duseldaumen – doch nichts. Auch Saufspiele mit Puppenbeinen und Zuckerweinen, Kindertheater mit Säufer Hotzenplotz, Jim Beam und Lukas Lumumbaführer liefen ins Leere. Sogar einen richtigen Saufclown engagierten sie, aus dessen Blume Bommerlunder spritzte, und der aus kleinen Schnapsfläschchen Tiere auf Zuruf baute – doch Biermut interessierte all das nicht.

Schließlich schleusten sie kleinwüchsige Trinker in bestickten Kindernickis in Biermuts Nähe, die erst zwanglos mit ihm spielten, dann versuchten durch Feuerwehrschläuche und Saufblasen Biermut an das Thema Alkohol heranzuführen. Doch er schien immun.





Biermuts Vater verzweifelte. Wenn überhaupt ihn etwas für das Thema Kind hatte begeistern können, dann war es die Vorstellung gewesen, sich mit seinem Sohn unten im Hobbykeller zu betrinken. So wie er es auch schon mit seinem Vater getan hatte, dieser mit seinem und so fort und so fort. Denn sie alle entstammten einem alten Saufgeschlecht. Er hatte sich schon gesehen, wie sie lachten ohne Grund, verrückt tanzten zu Musik, die es gar nicht gab, und in ihrer Fantasie Orte bereisten, in die man nur betrunken einreisen konnte. Vater-und-Sohn-Saufspiele: Er wollte Biermut an seinen Fußgelenken fassen, ihn über sich halten und eine kleine Pharisäermischung aus der Mundhöhle seines Sohnes in seine laufen lassen. Bierdosen schießen, aus Bierdeckeln Geschlechtsteile nachbauen, verschwommene Fußballspiele und Nananananana, aber stattdessen: Nada.





Es war zum Verrücktwerden. »Der eigene Sohn«, schrie immer wieder einer der beiden, dann weinten sie laut und betäubten sich mit Weinbrandbohnen und Schlummifix. Schließlich bestellten sie sich im Internet auf heime.de Prospekte über Heime. Tennis-Internate, Leben mit Pferden-Heime, Eigenurin-Alumnate, Stick-Stift, Capoeira-Konvikt. Es gab nichts, was es nicht gab. Und schließlich fanden sie tatsächlich ein kleines Trinker-Internat in Montmatre. Dorthin kam der Biermut, und bald schon schrieb er seinen Eltern Postkarten, die Hoffnung auf Besserung versprachen. Schön unleserlich waren sie. Mit Fuß und Mund gemalt wie es schien, und auch die Tinte roch seltsam im Sinne von unhygienisch. All das schürte Zuversicht. Manchmal stand auch gar nichts darauf, und das Kärtchen roch nur nach Biermuts Stirn, als sei er darüber eingeschlafen. Dann wieder war dort Krickelkrackel zu lesen. Eine Sauf-Geheimschrift, wie die Eltern hofften, und je betrunkener sie wurden, um besser konnten sie sie entziffern. Auf der letzten Postkarte, die Biermut schrieb, meinten die Eltern lesen zu können: »Saufi, Saufi. Geilo, Geilo.« Mutter und Vater weinten vor Glück.






Illustrationen von Thorsten Passfeld.

 

 

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BIERMUT


AUS: THE SWAN ARNSBERG SHOW